Artikel » Conventions » London in Zeiten der Con by Argonaut
   

Conventions London in Zeiten der Con by Argonaut
16.01.2013 von Argonaut

Warnung und Vorwort

Als erstes eine Warnung, damit keine falschen Erwartungen geweckt werden. Ich war auf der Xena Convention nur Zaungast. Weder war ich auf den Partys, noch auf dem Lucy Lawless Konzert und mehr als ein paar unscharfe Fotos aus den hinteren Reihen gibt es auch nicht. Für Besseres müsst ihr auf die einschlägigen Seiten (ausxip etc.) surfen, auf denen es tolle Bilder zu sehen gibt. Im Gegensatz zu den Xena Fans, die auf die London-Con gefahren sind, war ich in London, in dem nebenbei auch die Xena-Con stattfand. Schwerpunkt war also die Hauptstadt des britischen Empires. Da aber im Chat zuweilen ein paar Fragen auftauchen und viele von unseren Forumsmitgliedern noch nie in London waren, gibt es hier einen kleinen Reisebericht von mir.

London in den Zeiten der Con

London ist eines der Kultur- und Finanzzentren Europas und eines der teuersten Reiseziele überhaupt. Hotelpreise fangen so bei 70 £/Nacht (1£~1,3€) langsam an und schon die Eintrittspreise für die diversen Attraktionen reißen das eine oder andere Loch in die Reisekasse. Aber man gönnt sich ja sonst nichts. Nach London kann man fahren, fliegen oder schwimmen. Ich nehme den Billigflieger und bin ganz schlau: ich fliege nicht zu dem überfüllten und gepäcksystemgeplagten Heathrow, sondern zum London City Airport. Der ist zwanzigmal kleiner, näher an der City, und man ist in wenigen Minuten raus aus dem Flieger und steht an der Bahnstation. Dort angekommen macht man das Erlebnis, dass Touristen in jeder Stadt Europas machen - das Ticketsystem des öffentlichen Nahverkehrs ist völlig undurchsichtig. Hier nennt sich das Objekt der Wahl Oystercard und eine detaillierte Erklärung versuch ich erst gar nicht. Nach einigen Irrungen bekomme ich ein Wochenticket für London City und werde freundlich begrüßt von…

…..

…IKEA, deren Werbung sich auf der Tickethülle befindet. Da fühl ich mich doch gleich wie zu Hause. Mein Hauptverkehrsmittel ist die U-Bahn, offiziell London Underground genannt, inoffiziell auch als „The Tube“ (die Röhre) bekannt. Die ist schnell, fährt praktisch im Minutentakt und ist bedauerlicherweise immer brechend voll. In Stoßzeiten kommt man erst gar nicht rein. Da heißt es ausatmen, Bauch einziehen und Sardine spielen. Aber egal was für ein Verkehrsmittel man nimmt, über eines muss man sich im Klaren sein: London, das heißt Laufen, Treppensteigen, Anstehen. So viel gelaufen und Treppen gestiegen bin ich die letzten zwei Jahre zusammengenommen nicht.

Anstellen heißt es auch erstmal bei der Con-Registrierung. In dem Bild ist die Schlange schon durch. Ich bin fast eineinhalb Stunden gestanden. In der Schlange waren erstaunlich viele Amerikaner. Offenbar gibt es Leute die Xena überall hinterher reisen. Einige kennen sich schon von früheren Convention und fallen sich um den Hals. Mit fällt zum Glück keiner um den Hals, denn, um es vorsichtig zu sagen, das Durchschnittsgewicht in der Schlange liegt deutlich über meinem. Und ich bin ja schon jenseits des Body-Mass-Index Normbereichs.

…..

Am Registrierungstisch begrüßt mich der Herr, der hier noch von hinten zu sehen ist. Der Einfachheit halber nenne ich ihn „Gorilla“. Gorilla fragt mich nach meinem Namen und gruschtelt missmutig in seinen Unterlagen. Nachdem er ihn in seinen Umschlägen gefunden hat ruft er laut „I need a blue one“ (Ich brauche das Blaue).
Jetzt muss ich einen längeren Einschub machen: Das Creation-Entertainment-Convention Organisationssystem ist eine Mischung aus altägyptischer Priesterherrschaft, indischem Kastenwesen und amerikanischer Militärhierarchie. Ganz oben sitzen die Götter, auch Stargäste genannt, nebelverhangen und unnahbar. Darunter befindet sich die Priesterkaste der Creation Mitarbeiter. Die hat die wahre Macht, legt fest was man zu tun und zu lassen hat und unterhält zur Festigung ihrer Macht eine Leibgarde, zu der auch Gorilla gehört. Die Aristokratie fängt mit den roten Goldticket-Besitzern an. Ich nenne sie „Goldkinder“. Die zahlen 300€ für ein Ticket, dürfen im Saal vorne sitzen und zu allen Events gehen, als da wären Welcome Party, Friday Cabaret, Disco Party. Sie bekommen Autogramme von den Göttern, unter anderem auch von Lucy Lawless. Darunter kommen die lila Prefered Tickets, ich nenne sie „Prefs“. Die dürfen nicht ganz so weit vorne sitzen, auf die Disco Party dürfen sie auch nicht und es gibt zwar Autogramme einiger Götter, aber keines von Lucy. Ganz unten kommen die blauen Normaltickets, im Weiteren als „blaue Kaste“ bezeichnet. Die dürfen nur in den Saal und sonst nichts. Als Mitglied der blauen Kaste kann man sich einzelne Events dazukaufen, z.B. Autogramme der niederen Götter für 10£ und den Zugang zu dem Friday Cabaret (15£), einer Art Witze-Erzähl-Show. Auch in die Welcome Party kann man sich für 35£ einkaufen, aber nur wenn die Priesterkaste Lust dazu hat und das hat sie fast nie. Die meisten Con-Besucher sind übrigens Goldkinder. Die blaue Kaste besteht nur aus wenigen Mitgliedern, unter anderem gehöre ich dazu.
Gorilla ordnet mich also der blauen Kaste zu und gibt mir mein blaues Ticket. Außerdem bekommt man noch ein blaues Plastikarmband. Gorilla erklärt, dass man dieses Armband die ganze Zeit tragen muss und es nicht verlieren darf, sonst kann man nach Hause fahren, egal welcher Farbkaste man angehört. Ich will noch fragen was jemand macht, der abends in festlicher Abendgarderobe in die Oper will. Soll der im teuren Anzug mit dem Bändel am Arm rumlaufen? Ich verkneif mir die Frage aber, denn Gorilla lässt keinen Zweifel daran dass Creation in dieser Hinsicht keinen Spaß versteht.
Ich scheine übrigens der Einzige zu sein, der sich vorkommt wie im Warschauer Ghetto. Besonders die Goldkinder sind überglücklich so ein Armbändel tragen zu dürfen. Sie zeigen sich gegenseitig ihre Karten als Zeichen des gesellschaftlichen Aufstiegs und der Zugehörigkeit. Die Prefs wissen nicht so ganz was sie davon halten sollen, sind aber froh nicht zur blauen Kaste gehören zu müssen.

Ich rufe mir den Vormittag ins Gedächtnis zurück. Da war ich auch präferiert. Ich hatte mir vorab ein Ticket für das „London Eye“ besorgt, das Auge Londons. Das ist ein Riesenrad an der Themse, das anlässlich der Milleniumsfeierlichkeiten zur Jahrtausendwende gebaut wurde.

…..

Als Vorabticketbesitzer durfte ich schneller drankommen, statt der üblichen zwei Stunden muss ich nur anderthalb Stunden anstehen. Dafür fährt das Rad dann in 30 Minuten einmal herum und man hat einen schönen Blick auf die Stadt. Alle fotografieren was das Zeug hält. Leider sehen die meisten Städte von oben ziemlich öde aus. Außer Baustellen und einem Häusermeer gibt es nicht viel. Einziges echtes Highlight ist das Parlamentsgebäude, hier rechts unten. Neben dem House of Parlaments steht Big Ben mit dem berühmten Glockenschlag. Das alles werde ich mir später noch aus der Nähe ansehen.

Inzwischen hat die Con auch angefangen. Den Anfang hab ich Dank Schlangestehen zwar verpasst, aber wahrscheinlich war das ein übliches „Es ist toll in London zu sein“.

…..

Adrienne Wilkinson hat Platz genommen, bekannt als Livia/Eve. Die Rolle steht immer hinten auf der Leinwand, damit auch die, die nicht mit jedem kleinen Nebendarsteller vertraut sind wissen wer das ist. Als erstes fallen mir die weißen Turnschuhe zu dem schwarzen Rock auf. Ist das jetzt Mode bei den Stars? Die „Sessions“ laufen so ab, dass das Publikum Fragen stellt und der Star dann aus dem Nähkästchen plaudert. Frau Wilkinson plaudert und lacht. Sie lacht sogar ziemlich viel. Jemand fragt ob sie lieber Livia oder Eve war. Sie antwortet, dass sie gerne die Böse spielt. Außerdem war Livia so schlau und Eve nicht ganz so schlau. Manchmal fand sie sie sogar doof. Aber als Schauspielerin muss man das so spielen. Insgesamt fand sie Livia interessanter als Eve. Wer im Namen Elis, fand das eigentlich nicht? Danach lacht sie wieder. Ein Anderer fragt nach ihrem schlimmsten Erlebnis. Komisch, wieso fragt man nach dem schlimmsten Erlebnis? Um die Stimmung zu verderben? Es zeigt sich im weiteren Verlauf, dass dies eine gängige Con Frage ist, aus welchem Grund auch immer. Frau Wilkinson erzählt was von einer geplatzten Unterhose oder so ähnlich. Hinten bei der blauen Kaste ist der Ton nicht so astrein, deshalb bin ich mir bei meinen Übersetzungen nicht immer sicher. Sie erzählt noch ein bisschen über ihren Hosenzwischenfall und lacht wieder. Dann wird sie gefragt, ob sie schon auf einem Lucy Lawless Konzert war. Diese Frage finde ich unhöflich. Natürlich sind alle wegen Lucy hier, aber sagt man das einem Gast so direkt ins Gesicht? Frau Wilkinson empfindet das wohl nicht als unhöflich und lacht. Sie war schon auf mehreren Konzerten. Es ist ganz phantastisch, super, toll. Für die, die hingehen wird es ein einmaliges Erlebnis, dass sie ihr Leben lang nie vergessen werden. Ich komme mir vor wie in einem dieser „Making of“ Filmchen, die immer auf DVDs zu finden sind. Das sagt auch jeder, dass dies der beste Film aller Zeiten ist, das Team ganz toll war und dass sie sich alle für diese Leistung gegenseitig den Nobelpreis verleihen. Frau Wilkinson lacht wieder und ich bin kurz davor sie in die Schublade „dummes Huhn“ zu stecken. Doch da schießt jemand aus der Tiefe des Raumes mit der Frage „Wie sehen sie den Subtext?“ einen verbalen Torpedo auf Frau Wilkinson ab. Für einen Moment wird es still im Saal. Frau Wilkinson rutscht etwas verlegen auf ihrem Stuhl herum und ich sehe sie kurz davor versenkt zu werden. Doch da zeigt sich, dass hinter der Maske des gackernden Huhns ein erfahrener Medienprofi steckt. Sie fängt an zu erzählen wie sie nach Neuseeland kam als die Story schon in vollem Gange war. Als Schauspieler muss man seine Rolle spielen auch wenn man nicht jedes Detail kennt. Mit dieser Einleitung ist sie dem Geschoß erstmal ausgewichen. Dann erzählt sie was von der Freundschaft zwischen Xena und Gabrielle und plaudert circa zwei Minuten, dass man dies so oder so sehen kann, ohne bezüglich des Subtextes genauer zu werden. Eigentlich äußert sie sich zu dem Thema gar nicht, gibt aber jedem im Auditorium das Gefühl er hätte eine ausführliche und zufriedenstellende Antwort erhalten. Das hätte ein Politiker nicht besser gekonnt Frau Wilkinson. Nach dieser rhetorischen Meisterleistung steigt sie auf meiner Sympathieskala weit nach oben, ich sage Adrienne zu ihr und beschließe spontan mir noch ein Autogramm zu holen. Das gibt es erst später und so mache ich kurz einen Abstecher in die Stadt.

Wenn ich an mein erstes Englischbuch denke, dann fallen mir immer der Piccadilly Circus und der Trafalgar Square ein, die in dem Buch abgebildet waren. Das sind nur wenige U-Bahn Stationen von hier, also nix wie hin.

…..

Offensichtlich hat die gesamte englischlernende Bevölkerung das gleiche Buch. Und sie sind auch noch alle zur gleichen Zeit hier. Wie schwelgen alle in Schulbucherinnerungen und knipsen uns gegenseitig. Aus dem Sprachenwirrwarr weiß ich, dass ich jetzt auf irgendeinem Foto sein werde, dass ein japanischer Tourist seinem Familienkreise zeigen wird. Auf dem Trafalgar Square steht übrigens die Statue von Admiral Nelson, hier ganz oben, und auf dem Piccadilly steht eine Statue des Eros, die aber auf dem Bild nicht zu sehen ist, da man hier grundsätzlich nur die Leuchtreklame knipst.

…..

Zurück auf der Con hat inzwischen Steven L. Sears das Podium betreten. Ich hab ihn schon vorher gesehen, denn er läuft ständig herum und fotografiert alles. Er ist volksnah, redet mit allen und ist praktisch die ganze Zeit da. So hätte man sich das auch von den anderen Stargästen gewünscht. Er trägt die ganzen drei Tage das rote Hemd und den Hut, nur die Hose wechselt er gelegentlich. So ist das in der Künstlerbohème. Stephen Sears braucht man nichts zu fragen, er erzählt auch so ständig. Außerdem macht er permanent Clownerien um das Publikum zu unterhalten. Das ist manchmal schon zuviel des Guten. In seinem Vortrag sagt er, dass er nie auf einem Kurs für Drehbuchautoren war, außer denen die er selber gegeben hat. Entweder man ist kreativ oder nicht. Das klingt selbstgefällig, aber so meint er es - glaube ich - nicht. Er hat halt Freude am Leben und an der Arbeit. Interessant fand ich den Teil, in dem er berichtet wie Autoren sich Szenen überlegen in denen gar nichts gesprochen wird. Darüber hab ich noch nie so richtig nachgedacht. Wie schreibt man z.B. eine Kampfszene oder eine Sterbeszene. Mmh, ich gewinne den Eindruck das Steve doch was von seinem Handwerk versteht. Allerdings scheint er seit Xena und Sheena nicht viel zu Stande gebracht zu haben. Vielleicht fotografiert er einfach zu viel. Jedenfalls sind die Fans dankbar, dass wenigstens einer mehr als nur kurz zu sehen ist und lieben ihren Steve. Nach seinem Vortrag ist Autogrammstunde und ich habe ja Adrienne zu meinem Favoriten gekürt. Also noch schnell ein Bild gekauft, denn man muss selbst was zum signieren mitbringen. Leider habe ich nicht bedacht, dass entsprechend dem Kastenwesen die blaue Kaste zum Schluss dran kommt. In meinem Fall nach ca. anderthalb Stunden. Ich werde von Adriennes Assistentin gefragt ob ich die Unterschrift „personalized“ haben wollte. Ich sage: „na klar“ und Adrienne schreibt ohne eine Miene zu verziehen meinen doch etwas merkwürdig kurz klingenden Namen (das ist ein Insiderwitz). Damit beschließe ich, dass es für mich für heute genug der Con ist und verzichte auf die Witze-Erzähl-Show. Und auf die Welcome Party darf ich sowieso nicht.

…..

Am nächste Tag statte ich der Queen einen Besuch ab. Die wohnt bekanntlich im Buckingham Palace. Zu sehen bekomme ich sie zwar nicht, aber es ist noch früh am Morgen und wer weiß wie lange die so schläft. Sie darf bestimmt auf jede Party. Im benachbarten St. James’s Park mache ich einen kleinen Spaziergang. Das Gebäude im Hintergrund ist die Horseguard, die berittene Wache der Königin und ich überlege mir, ob es sich für den britischen Steuerzahler rechnet, wenn er ein Königshaus finanziert und damit Touristen ins Land lockt. Über diese Gedankenspiele wäre die Queen wahrscheinlich „not amused“.

Ich hingegen war „amused“ über…

…..

…diese beiden Con Besucher, die unschwer als Hercules und Iolaus zu erkennen sind. Dass es mehrere Xenas geben würde hätte ich erwartet, aber Herc? Hercules scheint bezüglich seiner körperlichen Statur eine optimistische Selbsteinschätzung zu haben. Dafür bestätigt Iolaus eine Theorie, die ich schon im Epguide vertreten habe. Dass das schwarze Ding um seinen Hals eine Kamera ist.
Bilder der richtigen Stars kann man bei den Händlern kaufen. Auch signierte Bilder gibt es, teilweise zu horrenden Preisen. Ich bewege mich in den untersten Preiskategorien und erstehe für die lieben Bekannten ein paar Bilder, eine Tasse und ein T-Shirt. Die Shirts gibt es amerikanischen Maßen folgend meist nur in Größe XL. Ganz so schlimm ist es in Europa noch nicht. Das wissen die Händler aber nicht und man muss suchen bis man eines der seltenen Exemplare in Größe S findet.

Meine Londonerkundungen setze ich fort und besuche die Tate Britain, ehemals Tate Gallery. Meiner Meinung nach ein der schönsten Sammlungen Londons. Bekannt sind die lichtdurchfluteten Gemälde J.W. Turners.

…..

Leider darf man in der Tate nicht fotografieren, jedenfalls nicht die Gemälde. Deshalb knipse ich mein Mittagessen. Im Gegensatz zu unseren Museumsrestaurants sind die in London durchaus des Essens wert. Es gibt Lachs-Irgendwas-Fischkuchen mit Salat. Was das Irgendwas zwischen dem Lachs war weiß ich nicht, aber es war wirklich gut. Generell war das Essen in London gut. Ich war sogar zum ersten Mal in meinem Leben in einer Sushi-Bar.

Vor lauter Essen verpasse ich den Conanfang, denn als ich im Hilton eintreffe ist Paris schon da.

…..

Paris ist zwar im Hilton, heißt aber nicht Hilton sondern Jefferson. Paris, die Athena ist in London. Ein Treffen der Hauptstädte sozusagen. Paris erweist sich als sehr angenehm. Sie plaudert locker mit dem Publikum ohne übertrieben witzig zu sein. Sie lebt in England und spielt viel Theater. Ich muss sagen, sie hat auch viel von einer englischen Lady. Irgendeinen im Publikum scheint sie zu kennen, sie unterhalten sich über irgendeine Halskette, so genau weiß ich das nicht mehr. Ich bin etwas abgelenkt, denn Steven Sears turnt ständig um mich herum und fotografiert was der Chip hergibt. Seine Kamera ist viel größer als meine. Ich bin ganz neidisch auf sein großes Ding.
Paris muss auch die obligate Frage nach dem unangenehmsten Erlebnis beantworten. Sie erzählt irgendwas von einer Neuseelandwanderung, auf der sie dummerweise neue Schuhe anhatte und sich damit ihre Füße malträtiert hat. Ich finde die Geschichte netter als das mit Adriennes Hose. Irgendwie so neutral und unaufdringlich.
Da fällt mir siedendheiß ein, dass heute Samstag ist und in meinem Reiseführer steht, dass am Samstag der traditionelle Markt in der Portobello Road im Stadtteil Notting Hill stattfindet. Wenn im Reiseführer „traditioneller Markt“ steht heißt das, dass bekloppte Touristen sinnlosen Nippes zu überteuerten Preisen erstehen können. Also genau das Richtige für mich. Jetzt fällt die Wahl schwer: entweder weiter Lady Jeffersons Fußproblemen lauschen oder ab in die Portobello Road. Ich entscheide mich schweren Herzens für London und mache mich auf den Weg…

…..

… und bin angenehm überrascht. Es ist so voll, dass man gar keine Möglichkeit hat sinnlos Geld auszugeben. Schade, gibt es doch die Auswahl zwischen angeblichem Sterling Silber, Obst und Gemüse, Gasmasken aus dem II. Weltkrieg und Mickymaus-Postern. Vielleicht wären die Fußprobleme Lady Jeffersons doch die bessere Alternative gewesen. Aber wenn ich schon hier bin fotografiere ich wenigstens den „Travel Bookshop“, der das Vorbild für Hugh Grants Buchhandlung im Film Notting Hill war.

…..

Zurück auf der Con findet auch ein Markt statt. Versteigert werden „Collectibles“ aus den von Creation betreuten Serien. Da gibt es was aus Serenity, Heroes und natürlich Xena. Der Auktionator erweist als verführerische Mischung zwischen Sektenführer und Börsenmakler. Ich nenne ihn Krishna. Geschickt packt er die Goldkinder bei der Ehre und treibt die Preise nach oben. Jeder Artikel ist „very rare“ (sehr selten) und alles „a great deal“ (ein gutes Geschäft). Das Poster von Xena und Gabrielle wird für 270£ versteigert, also fast 350 Euro. Ein Serenity Poster gibt’s schon für 100, ein paar Poster von irgendwem aus irgendeiner anderen Serie für 20£. Hinter Krishna steht zwar „No Miminum Bid“ (keine Minimalgebot notwendig), jedoch scheinen ihm die Goldkinder noch zu knauserig zu sein und er legt dann doch Minimalgebote so ab 50£ fest. Bei einem Xena Poster sagt er, dass sich diejenigen, die ein Lucy Lawless Autogramm bekommen, das auch signieren lassen können, was dann „very very rare“ und „a great big deal“ wäre. Da nur Goldkinder Lucys Autogramm kriegen ist das auch seine Hauptzielgruppe. Mit den fanatischen Fans lässt sich halt am meisten Kohle machen und das hat Creation ja perfektioniert. Trotzdem ist die Ebay-Show des 100, 110, 150, 170 … ziemlich mitreißend gemacht. Jetzt fängt er an die Deko der Con zu versteigern, d.h. die Bühnenbanner und Riesenposter. Ich fühle wie in mir die Begeisterung aufsteigt und bin kurz davor mit einem lauten „Hare, Hare, Krishna, Krishna“ mitzubieten, doch es siegt die Vernunft. Wo in aller Welt soll ich so einen Banner hinhängen und meine Xena Ecke ist mir eh schon zu voll.

Um mich geistig abzulenken überlege ich mir, ob man in London nicht mehr aus Xenas Welt entdecken könnten. Und das kann man wenn man danach sucht…

…..

…als da wäre die Statue der Boadicea, gleich neben dem House of Parliament. Schade, dass Jennifer Ward-Lealand nicht da ist. Ein Foto mit ihr neben dem Denkmal wäre sicher „very rare“ und ließe sich in den in den USA für wer weiß wie viel verhökern. Aber das hätte die Londoner Boadicea nicht verdient so ausgenutzt zu werden,
Nicht vergessen sollte der Xena Fan auch die Antikensammlung im Britischen Museum. Ich bin begeistert mal eine antike Aphrodite gesehen zu haben.

Zurück auf der Con werden zwischendurch auch Filmchen gezeigt. Besonders die Produktionen einer Deborah und Woody oder so ähnlich, dass sind so ne Art Sketche um Xena herum. Einer war was mit einer Xena Puppe. Amerikaner mögen so was, Hauptsache witzig und aus Ermangelung an anderen Attraktionen klatschen die Con-Besucher artig. Die Filme sind ganz nett, einer hätte aber auch gereicht und deswegen Eintritt bezahlen - na ich weiß nicht. Doch es naht der nächste Stargast.

…..

Brittney sieht schon ein bisschen nach Brittney aus, heißt aber Brittney Powell und war die Brundhilda in der Xena Ring-Trilogie. Als erstes bedankt sich für die Mühen, die sich alle gemacht haben, damit sie nach London kommt. Mühen? Ich dachte die mäßig erfolgreichen Mimen wären froh, wenn ihnen jemand ein paar Dollar in die Hand drückt, damit sie sich auf einer Con beklatschen lassen. Dem ist aber wohl nicht so. Wir sind Brittney aus tiefstem Herzen dankbar, dass sie trotz ihres vollen Terminkalenders Zeit für uns gefunden hat.
Sie findet London toll. Ich nicke zustimmend. Sie findet besonders toll, dass Gebäude die tausend Jahre alt sind, neben Gebäuden stehen die 20 Jahre alt sind. Mir klappt die Kinnlade runter, denn mit dieser Breitseite intimer Kenntnisse der Londoner Stadtarchitektur hat sie mich kalt erwischt. Welches Gebäude war nun noch mal tausend Jahre alt? Ich gerate ins Schwitzen und blättere geistig meinen Reiseführer durch. Der fängt mit der römischen Siedlung Londinium an, aber das ist schon fast zweitausend Jahre her. Nach den Römer war erstmal nix und dann? Mir kommt auf einmal St. Bartholomew-the-Great in den Sinn (1123), der älteste Sakralbau Londons und bekannt aus „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“. Da wollte ich schon hin, aber man kann ja nicht alles machen. Mit ihrem Tattoo sieht Brittney aber nicht so aus, als ob sie sich für kleine Kirchen interessiert. Der Schweiß perlt mir von der Stirn, da fällt doch noch der Groschen. Wahrscheinlich meint sie Westminster Abbey, da hat man mit den ersten Steinen so um 1050 angefangen und natürlich der berühmte Tower, dessen Baubeginn um 1080 liegt. Das ist nicht ganz 1000 Jahre her, aber ich denke Brittney hat des dramaturgischen Effekts wegen aufgerundet. Ich schaue beifallheischend nach vorne, da fällt mir ein, dass ich ja nur die halbe Frage beantwortet habe. Denn welche Gebäude stehen daneben, die 20 Jahre alt sind? Der obligate Souvenirladen vielleicht? Ich muss passen. Gesenkten Hauptes ziehe ich mich in die Banausen und Nichtwisser-Ecke zurück. Brittney legt noch einen drauf und erzählt was von Gebäuden die 500 Jahre alt sind. Ich kann nur noch geschlagen in der Ecke verharren. Doch Brittney ist eine nette Frau und hat Mitleid mit mir. Sie wechselt das Thema. Sie erzählt, dass sie gerne indisch essen geht und schon mit „The Tube“ gefahren ist. Ich komme glücklich aus meiner Ecke hervor. Indisch essen war ich auch schon, wenn auch nicht in London, denn das kann ich auch in unserem Nachbarort Weilimdorf. Aber mit der Londoner U-Bahn „The Tube“ bin ich schon gefahren, sogar mehrmals. Ich blicke erwartungsvoll nach vorne. Brittney lächelt und geht in ihrem sexy Röckchen auf ihren sexy Schühchen auf und ab, was ich als Zeichen der Anerkennung aufnehme. Ich bin wieder im Auditorium dabei und kann Brittneys Fragerunde guten Gewissens folgen. Ich überlege, ob ich mir doch noch ein Autogramm von Architektur-Brittney oder Lady Jefferson hole, aber mein Budget ist beschränkt und ich hab auch keine Lust noch mal zwei Stunden zu warten, bis die blaue Kaste dran kommt. Zum Konzert will ich nicht, denn musikalisch habe ich andere Pläne, deshalb beende ich den ereignisreichen Tag, lege im Hotel die Füße hoch und schaue eine Folge der neue Heroes Staffel.

Den nächste Tag fahre ich etwas weiter als sonst, denn ich will zur Tutanchamun Ausstellung, die im Millennium Dome zu sehen ist. Der wurde inzwischen in O2-Arena umbenannt. Dort finden Events und diverse Ausstellungen gleichzeitig statt und Tut nimmt nur einen kleinen Teil der riesigen Halle ein.

…..

Im linken Bild ganz klein Mitte rechts zu sehen eine Anubis Statute. Der Eintrittspreis erweist sich mit 20£ als reichlich hoch, doch wir sind in London und das ist auch nicht eine Berchtesgadener Marienschnitzerei. Da ich wahrscheinlich nie im Leben nach Ägypten komme, zücke ich die Brieftasche und gehe hinein. Außerdem war ich Xena-auktionsmäßig sparsam und von dem Preis des Xena Banners kann ich sämtliche Attraktionen Londons sehen. Man sieht nette Artefakte von Echnaton, irgendwas von einer Yuya und Tuyu, und kommt dann in die Grabkammer von Tut und …ja, wo is se nu, die Maske? Von der berühmten Maske gibt es nur ein Foto. Denn, so wird mir gesagt, die Maske des Tut darf Ägypten nicht verlassen. Dafür hab ich Verständnis, hat das Land doch in den letzten paar tausend Jahren keine kulturellen Errungenschaften hervorgebracht, wegen derer man da unbedingt hin müsste. Außer den Hotelkomplexen vielleicht. Da will man den todesmutigen Touristen, die wegen der antiken Immobilien kommen, die wenigen Attraktionen nicht vorenthalten. Ich bin etwas enttäuscht, aber jede Reise hat Höhen und Tiefen und ich sage mit Shakespeare: Tut be or not Tut be, London hat auch ohne Tut genug zu bieten. Ich brauch nur auf den Boden zu schauen und sehe vor der O2-Arena die Schwarz-Weiße Linie, die den Nullmeridian markiert, Anfangslinie unserer geographischen Längenmaße. Also mache ich mich auf in die königliche Sternwarte nach Greenwich. Zu sehen gibt es interessantes zum Beginn präziser Zeitmessung, denn ohne Zeitmessung keine Längenbestimmung, das weiß ich als astronomisch Gebildeter. Eine schöne Astronomieausstellung gibt es auch. Vor der Sternwarte hängt eine 24h Uhr, d.h. auf der Uhr ist es gerade Viertel nach Elf. Rechts oben erkennt man eine rote Kugel, die fällt um 13:00 immer an der Stange runter und diente den Londoner Seeleuten früher zur Zeitbestimmung. Die Tafel hinter dem Zaun steht da, wo der Nullmeridian festgelegt wurde und ist beliebtes Fotomotiv für die Touris.

Jetzt aber wieder zurück zur Con wo inzwischen Joe LoDuca sich die Ehre gibt.

…..

Joe ist Komponist und Musiker, weiß aber leider nicht wie man ein Mikrofon benutzt. Deshalb versteht hinten bei der blauen Kaste keiner was er sagt. Nach ca. 15min erklärt jemand Joe wie das mit dem Mikro funktioniert und wir sind auch wieder dabei. Joe hat eine weiche, freundliche Stimme. Man sieht ihm sofort an, dass er kein Schauspieler ist, denn die prätentiöse Art der Selbstdarstellung liegt ihm nicht. Er erzählt, dass er nur einmal in Neuseeland war und die Musik aus der Ferne nach Rob Taperts Wünschen komponiert hat. Für eine Episode braucht er 4 Tage, wobei er kein Geheimnis daraus macht, dass sie immer Samples der vorherigen Folgen verwendet haben. Jemand fragt woher er die Musiker für die ethnische Musik nimmt, die seinen Soundtrack ausmachen. Joe sagt, dass er einfach an der UCLA anruft (das ist der Los Angeles Campus der Universität von Kalifornien) und seine Kumpels von der Musikabteilung fragt ob sie jemand kennen. Und im Musikgeschäft kennt immer einer irgendeinen. Jetzt stellt Joe eine Frage. Er fragt wer schon auf dem Konzert war. Die Goldkinder heben ihre Hände. Er fragt wer auf das zweite Konzert geht und wieder heben die Goldkinder die Hände. Offenbar spielen Lucy und Joe zweimal vor dem gleichen Publikum. Überhaupt hab ich den Eindruck, Hauptzweck der Con ist es für Lucy Lawless Darbietungen ein Publikum zu finden.
Langsam füllt sich der Saal und besonders die blaue Kaste ist durch die Tagesticketbesitzer gewachsen. Auch sieht man heute einige Xenas mehr herumlaufen. Ich überlege, ob ich Joe zuliebe doch ins Konzert gehen soll. Ein Blick in meine Brieftasche hält mich davon ab. Die Reisekasse leert sich beständig und ich hab noch viel vor.

…..

So habe ich Restetickets für zwei Westend Musicals gekauft: „We will Rock you“ und „Mamma Mia“. Das ist zwar teurer als Tut, aber deutlich unterhaltsamer und beide Tickets zusammen haben weniger gekostet als das Sitzplatzticket für Lucy Lawless. Außerdem liegt das Westend deutlich verkehrsgünstiger als Islington, dem Ort von Lucys Konzert, von dem ich nachts eine Stunde in mein Hotel gebraucht hätte. Die Handlung des Rock- bzw. Popmusicals würde ich als strunzdumm bezeichnen. Musik und Tanz waren aber spitzenmäßig. Besonders die beiden Hauptaktricen von Mamma Mia haben Gesangseinlagen hingelegt, die das Original deutlich überragten. Sehenswert auch die Boys and Girls vom Ensemble - aus meiner Sicht natürlich besonders die Girls. Meine Herren, wer will da noch den Hintern von Lucy Lawless sehen?
Na, so langsam könnte sie aber schon hier aufschlagen, heißt die Con offiziell doch „Lucy & Friends“ und auch am dritten Tag waren für die Nicht-Konzertbesucher nur die Friends zusehen. Doch wir müssen uns weiter gedulden, denn entgegen dem offiziellen Programm findet schon wieder eine Auktion statt.

…..

Diesmal läuft die Aktion Krishnas deutlich schleppender. Offensichtlich ist einigen Goldkindern über Nacht bewusst geworden, dass sie einen großen Teil ihres frei verfügbaren Monatseinkommens für ein Riesenposter ausgegeben haben, dass sie in ihrer Bude allenfalls in zusammengerolltem Zustand betrachten können. Trotzdem holt Krishna das Letzte heraus und versteigert noch die letzten Reste der Deko. Bei einem Poster hebt auch einer aus der blauen Kaste die Hand; zur Erinnerung: wir sitzen alle hinter diesem Schild. Krishna fragt ungläubig zweimal nach „You in the back?“. Tja, Krishna, wir hier hinten können auch mitbieten, wenn uns was gefällt. Leider nicht sehr lange, denn die Goldkinder haben offensichtlich liquide Mittel, von denen wir nur träumen können und sichern sich auch noch die letzten Devotionalien.

Ich überlege mir indes, was ich gern mal in London ersteigern würde. Meine Wahl fällt auf eine Mischung aus Kunst und Wissenschaft:

…..

Édouard Manets “La Bar aux Folies Bergères” hängt in der Courtauld Gallery, die sich im Summerset House befindet. Das Museum ist verglichen mit der Tate oder der National Gallery geradezu winzig, beherbergt aber einige bekannte Gemälde. Manets melancholische Bardame steht vor einem großen Spiegel, indem sich das Treiben in dem Varietétheater spiegelt. Die Flaschen spiegeln sich in der richtigen Perspektive, allerdings ist das Spiegelbild des Mädchens viel weiter weg als in der Realität. Ihr gegenüber steht ein Mann, der die Position des Betrachters des Bildes hat. Oder doch nicht? Vertieft man sich in das Bild kann man schon ins grübeln kommen über die Realität die der Spiegel darstellt. Auch wenn man wie ich eigentlich nix von Kunst versteht. Jedenfalls hat mir die kleine Galerie so gut gefallen, dass ich sogar zweimal da war.
Das zweite Objekt sollte euch alle, die ihr vor euren Computern sitzt, zu einer Minute des Gedenkens anregen. Im rechten Bild ist die erste mechanische Rechenmaschine zu sehen, die Difference Engine No. 1, entworfen 1832 von Charles Babbage. Von der Rechenlogik her enthält der Automat fast alle Elemente die auch ein moderner Computer hat. Er steht mit anderen interessanten Dingen der britischen Technikgeschichte im Science Museum. Ersteigern kann man die beiden Objekte leider nicht und wenn, dann könnten selbst die Goldkinder nicht mehr mithalten.
Das alles wird euch natürlich nicht interessieren, aber das ist ja mein Reisebericht und ich schalte auch gleich wieder um, zum letzten Mal zur Con, wo die Lichter ausgehen und Lucy Lawless angekündigt wird. Ich eile sofort nach vorne, werde aber, wie alle anderen die dort keinen Sitzplatz haben, von Gorilla vertrieben. Den hatte ich schon fast vergessen.

…..

Da kommt sie endlich, begleitet von tosendem Applaus. Uns wird erklärt, dass das mit der Fragerei bei Lucy anders ist als vorher. Man muss sich in eine Schlange stellen und einzeln vor ein Mikrofon treten. Seine Frage muss man sich vorher bei Sharon Delaney genehmigen lassen. Die ist hier so was wie die Chefin von dem Event und außerdem Hohepriesterin des offiziellen und wenn es nach ihr ginge wahrscheinlich einzigen Xena Fanclubs. Ich glaube bei Gaddhafi oder Hu Jintao muss man sich auch alle Fragen vorher genehmigen lassen. Nicht auszudenken, wenn einer was Unpassendes fragen würde. Lucy bekommt erstmal Komplimente zu ihrem Konzert und zu ihrer Kleidung. Ob das bei dem Konzert gerechtfertigt ist kann ich nicht sagen, aber bei dem Fummel? Verglichen mit den Damen, die vorher da waren nicht unbedingt der modische Höhepunkt. Sie wird gefragt was schwieriger ist, brillante Schauspielerin oder brillante Sängerin zu sein. Lucy antwortet so sinngemäß, das ist egal, Hauptsache man ist brillant. Sie macht das weil es ihr Spaß macht und es ist ihr nicht wichtig ob es den Kritikern gefällt. Das glaube ich persönlich nicht, denn wer öffentlich auftritt, der will auch vom Publikum geliebt und beklatscht werden, das sieht man in jeder Castingshow. Bei dem Fanpublikum gibt es mit dem geliebt und beklatscht werden aber keine Probleme. In der Reihe ist auch ein(e) Taubstumme(r), so genau erkenne ich das von hinten nicht. Irgendjemand übersetzt die Gebärdensprache, ich weiß aber nicht mehr wie die Frage war, ich glaube es ging um die Sterbeszene von Xena.
Im weiteren Verlauf der Fragerunde sagt Lucy, dass sie schon vier Tage in London ist. „Was?“ ruft es in mir „Vier Tage!“. Solange bin ich auch schon hier, seit drei Tage läuft die Con und Madame kommt gerade mal für eine Stunde. Schon wieder habe ich den Eindruck, wir sind eigentlich nur als Konzertbesucher gern gesehen. Da sollte sie sich mal an Foto-Sears ein Beispiel nehmen. Na ja, Diva halt. Jemand fragt warum sie so einen komischen Akzent hat. Lucy sagt, dass man so in Neuseeland spricht. Das kann der Frager nicht ganz verstehen, worauf Lucy sagt sie sei mehr als ihr Akzent. Die Fans klatschen ob dieser selbstbewussten Äußerung. Ich klatsche nicht, denn so verkehrt fand ich die Frage nicht, sie redet wirklich ganz anders als in der Serie. Mir scheint Lucy zuweilen etwas zickig. Ich werde das Gefühl nicht los, sie ist es leid die ewige Xena zu sein. Das kann ich nach 134 Folgen und 13 Jahren Conventions gut verstehen, aber so ist das nun mal wenn man Schauspielerin in so einer Serie war. Eine Andere fragt nach dem Xena Film, aber Lucy sagt da auch nur vages. Es geht dann noch um Lieblingsfolgen und so, aber so genau hab ich das ebenfalls nicht mehr in Erinnerung, ich glaube es war Sin Trade.
In der Schlange stehen auch fünf Xenas. Ich glaube eine davon hatte einen deutschen Akzent, bin mir aber nicht sicher und die ist wieder schnell bei den Goldkindern verschwunden. Eine weitere Xena hatte keinen Deutschen, aber einen Österreichischen Akzent, denn es ist unsere Forums-Xena. Sie fragt ob Lucy sich vorstellen könnte an einer Live Action Show teilzunehmen - so mit Pferden. Lucy sagt sie könnte sich das vorstellen, aber es sollte in ihrer Vorstellung bleiben. Ich interpretiere das verkürzt als „Nein“. Sie lobt das Kostüm unserer Xena, die sagt, dass sie das selbst entworfen hat. Unsere Xena verweist auf ihre eigenen Shows, was - so ist es mein Eindruck – Lucy mit Erstaunen aufnimmt. Ja, erstaunt war ich auch, als ich das das erste Mal gehört habe, vielleicht sollte ich da doch endlich mal hingehen. Die Beiden einigen sich am Ende, alles bei einer anderen Gelegenheit im Detail zu diskutieren. Nach diesem Höhepunkt verfällt mein Interesse zusehends. Ich merke nur noch mal auf, als eine junge Frau mit Kleinkind im Arm ans Mikrofon geht. Erst verstehe ich nicht, was eigentlich die Frage ist. Lucy versteht auch nicht was die will. Nach und nach kristallisiert sich raus, dass die junge Mutter ihr Kind Xena zu Ehren Solan getauft hat und nun will das Lucy das Kind segnet. Na um ehrlich zu sein, dass mit dem segnen kann ich auch falsch verstanden haben, aber so in die Richtung ging das schon. Lucy ist freundlich und sagt was Nettes. Ich denke, Solan ist zwar nicht so schlimm wie Spock oder Pumuckl, trotzdem bin ich eher Freund neutraler Allerweltsnamen, die ohne eine Hypothek elterlicher Begeisterung für Fernsehserien auskommen.
Nach dieser Demonstration hingebungsvoller Fanbegeisterung fühle ich, dass die Con für mich nun langsam zu Ende geht. Auf dem Programm steht noch die Autogrammstunde für die Goldkinder, also nichts für mich zu holen, sowie ein weitere Auftritt von Foto-Sears, aber den kenn ich jetzt ja auch schon. Ich beschließe also, dass die Lucy&Friends Xena Convention für mich beendet ist und ich nun meinen Erkundung Londons fortsetzen kann.


Epilog

Nachdem ich das Hilton verlassen habe, möchte ich ein wenig laufen und beschließe eine U-Bahn Station zu Fuß zurückzulegen. Ich marschiere gedankenverloren los und verarbeite das Erlebte. Nach etwa 20min bemerke ich lauter vermummte Gestalten um mich herum. Ich stehe vor dem Islamischen Zentrum Londons und bin offensichtlich in die falsche Richtung gelaufen. Laufen will ich nicht mehr, also halte ich nach einem Bus Ausschau. Ich suche mir einen der roten Doppeldeckerbusse heraus, auf dessen Stirnseite unter zwanzig Stationen eine aufgelistet ist, von der ich glaube sie zu kennen. Nach weiteren 20min bin ich in einem Vorort Londons gelandet, weit außerhalb der Karte meines Reiseführers. Zähneknirschend gestehe ich mir ein, dass es mit meinem Orientierungsvermögen nicht weit her ist. Ich muss zurück auf Los und nehme den Bus in die Gegenrichtung. Nach über einer Stunde steh ich wieder vor dem Hilton. Jetzt aber flugs in mein Hotel denk ich mir, denn den Weg werd ich nach drei Tagen wohl finden. Da meldet sich ein natürliches Bedürfnis zu Wort und ich beschließe im Hilton noch einen „Boxenstop“ einzulegen. Auf fremde Toiletten zu gehen ist mir immer unangenehm und Örtlichkeiten nur wegen des Örtchens aufzusuchen ist mir gleich doppelt peinlich. Besonders weil die Lobby des Hilton gerammelt voll ist, da die ganzen Wochenendgäste abreisen. Ich tue so als würde ich hier in der Königssuite wohnen und gehe mit einem „Excuse me“, „Sorry“ und „May I“ an den Gästen vorbei. Nachdem das Geschäft erledigt ist, will ich nur noch hier raus. Vor mir gehen zwei Frauen, die eine groß und schlank, die andere klein und erheblich weniger schlank. Die Beiden haben es offenbar genauso eilig wie ich das Hotel zu verlassen und bahnen mir wunderbar einen Weg durch die Menge. Ich sehe noch Xena Nr. 2 und Nr. 4 an mir vorbeihuschen. Auf ihren Gesichtern leuchtet das Strahlen der seligen Fanbegeisterung angesichts der Erlebnisse. Ein Typ quatscht die Frauen vor mir an und ich denke mir, warum ich mir das nie getraue. Wahrscheinlich weil es mir dann ginge wie ihm, denn die beiden Damen legen noch einen Zahn zu. Zu dritt ereichen wir den Ausgang des Hotels, an dem sich eine große Drehtür befindet. Drehtüren drehen sich, und große Drehtüren drehen sich langsam, und so sind wir gezwungen einen Moment inne zu halten. Die Kleine, nicht ganz so schlanke, dreht sich um und mustert mich kritisch. Ich überlege was „nur mal kurz pinkeln gehen“ auf Englisch heißt, aber das fällt mir nicht ein und so lächle ich höflich. Offenbar erkennt sie, dass ich kein Drehtürenmörder bin und wendet ihren kritischen Blick wieder ab. Da dreht sich die Große um und…was soll ich sagen. Ausgerechnet ich habe die Ehre, Auge in Auge mit Lucy Lawless in der Drehtür des Londoner Hiltons zu stehen. Ich bin völlig sprachlos und an Lucys kurzem Gesichtszucken erkenne ich, dass sie dafür wohl dankbar ist. Ich hätte sowieso nicht gewusst was ich sagen sollte, so ergriffen wie ich war. Nach einem kurzen Moment gibt uns die Drehtür frei und die Kleine sagt „There is your Taxi Lucy“. Lucy Lawless spurtet in das mit laufendem Motor wartende Gefährt und ist kurz darauf entschwunden. So war ich am Ende doch noch ganz nah dran an ihr. An der einzig echten Xena, ob sie das nun wahrhaben will oder nicht.


Artikel-Infos
 
Druckansicht   druckbare Version anzeigen
Seite empfehlen   Seite empfehlen
1 Kommentar(e)   kommentieren
Wertung ø 4,00
1 Stimme(n)
Seitenanfang nach oben